Die neun Tiefschläge oder Mittelalterdarsteller brauchen keine
Duschen
Freitag morgen, 07:00 Uhr früh, man macht sich auf, den Hänger vom
Widerling in Wagram abzuholen. Nicht notwendig zu erwähnen, dass weder
Martin noch ich um diese Uhrzeit wirklich ausgeschlafen sind und sich unsere
Kommunikation während der gesamten Fahrt auf gegenseitiges angähnen
beschränkt. Dankenswerter Weise kennt der Widerling meinen Zustand um diese
Uhrzeit und als wir in Wagram schlussendlich völlig erschöpft aus
dem Auto fallen, steht der Kaffee schon auf dem Tisch.
Flugs gefrühstückt und den Hänger angehängt und es geht
wieder Richtung Wien zum Dreynlager. Die restlichen Sachen werden eingeladen
und wir brechen Richtung Kaprun auf.
Dort angekommen stellen Oli und ich fest – auf dem uns zugewiesenen Lagerplatz
würden wir eine ganze Kompanie unterbringen. Soooooooo viel Platz. Irgendwie
dürfte da die Kommunikation zwischen Enzi und dem Veranstalter nicht ganz
hingehaut haben – wir sind nur 10 Leute mit 4 Zelten und nicht 100 mit
40. Anyway, die Freude ist groß dass wir in jedem Fall genug Platz haben
und wir können sogar guten Gewissens die Hälfte des Fußballfeldes
anderen Gruppen abtreten.
Doch der erste Tiefschlag folgt auf dem Fuße, als wir feststellen, dass
die Lagerwiese von einem zuvorkommenden Bauern vor nicht allzu langer Zeit gedüngt
wurde und die netten eingetrockneten braunen Dinger, die da überall herumliegen
nichts anderes als Rinderverdauungsendprodukte sind. Egal, wir lassen uns die
gute Laune nicht verderben und bauen gut gelaunt bei strahlendem Sonnenschein
und sengender Hitze das Lager auf.
Nach getaner Arbeit können wir dem Drang nicht widerstehen uns einfach
in Ruhe hinzusetzen und unser Werk auf uns wirken zu lassen. Nur - es soll einfach
nicht sein. Tiefschlag Nummer Zwei ereilt uns in Form eines heftigen Sommergewitters
mit einem unglaublichen Regenguss der Marke „Bau dir eine Arche“.
Also entschließen wir uns, die Zeit zu nutzen – immerhin sind wir
ja eh schon alle nass – und den diversen sanitären Bedürfnissen
nachzugehen und es folgt....
.....Tiefschlag Nummer drei. Der Toilettencontainer ist verschlossen, weil
der ist nur für die Besucher und die kommen erst am Samstag – Wanderung
zu den Toiletten in der Burg ist angesagt. Auch gut, wandern wir eben. Was das
ganze dann noch spaßiger macht ist die Tatsache, dass der Veranstalter
uns offensichtlich bei der vollauthentischen Darstellung unserer Zeit unterstützen
wollte und, davon ausgehend dass an einem Wochenende, für das mehr als
30 Grad angesagt waren, keiner der mehr als 100 Akteure das Bedürfnis nach
Körperreinigung verspüren könnte, gleich einmal keine Duschmöglichkeiten
zur Verfügung gestellt hat, da ja bekannt ist, dass der mittelalterliche
Mensch gerne gestunken hat und sich nie wusch. Sehr löblich.
Egal, den Rest des Abends kriegen wir damit rum, dass wir den Harry aus Bischofshofen
abholen, weil er mitsamt Motorrad den Wassermassen nicht mehr trotzen konnte.
Ein Hoch auf die Kellnerin, die uns liebevoller Weise noch mitten in der Nacht
ein Abendessen aufgestellt hat.
Der nächste Tag bricht strahlend schön heran. Langsam trocknet auch
die Wiese wieder auf und es sieht nach einem gemütlichen Tag aus –
immerhin ist der Markt jetzt eröffnet und die Toiletten damit in gangbarer
Nähe auch für den gemeinen Darsteller zugänglich. Auch die Rinderexkremente
trocknen langsam wieder, was uns natürlich Tiefschlag Nummer vier beschert
– Horden von Fliegen und Bremsen, die sich bei uns wie im Schlaraffenland
fühlen. Menschliche Beine und Kuhscheiße, was gibt es schöneres.
Im Null komma nix sehen Enzi und ich aus wie die Marsmenschen und haben überall
komische runde rote Flecken – kurzfristig überlege ich mir, das Genre
zu wechseln und Alien-Reenactment zu machen.
Die erste Fechtvorführung dieses Tages: Tiefschlag Nummer fünf. Nicht
unsere Leistung, denn die Vorführung selber geht - bis auf eine Steinwurfattacke
eines Kleinkindes in Richtung Enzi (no na, auf wen sonst?) - gut über die
Bühne. Nein, es geht um ebendiese Bühne, diese ist nämlich 15
Minuten vor unserem Auftritt noch mit den Instrumenten der Band, die vor uns
gespielt hat (und das zugegebener maßen nicht mal schlecht, aber sooo
gut dass wir ihnen jetzt freiwillig in der Hitze die Roadies machen waren sie
auch nicht…) voll gerammelt und niemand kommt auf die Idee, dass Schwerter
und Stangenwaffen erstens ein wenig Platz benötigen um geschwungen zu werden
und zweitens beim Kontakt mit Instrumenten oder technischem Gerät aller
Art diesem erheblichen Schaden zufügen können …
Die zweite Fechtvorführung des Tages hat uns, weil auf ebenfalls frisch
gedüngter Wiese stattfindend, dann Tiefschlag Nummer sechs beschert. Kuhabfallprodukte
sind, selbst wenn auf der Oberfläche schon trocken, an der Unterseite doch
noch nass, was die Standfestigkeit doch ein wenig beeinträchtigt. Das hat
– ratet mal wer – der Enzi zu spüren gekriegt und zwar in Form
einer Buckler-Kante. Mit einem hübschen Cut auf der Nase ficht er allerdings
noch heldenhaft fertig. Währenddessen mache ich mich auf die Suche nach
einem Sanitäter. Und was erlebe ich?
Richtig! Tiefschlag Nummer sieben! Offensichtlich wollen auch hier die Veranstalter
unsere Authentizität fördern und deswegen gibt’s keine Sanitäter,
weil die gab’s ja im Mittelalter auch nicht. Man ist dann auch noch zuvorkommend
genug unsere Selbständigkeit zu fördern, indem man uns auf die Suche
nach dem ortsansässigen Arzt schickt.
Ein paar Tobsuchtsanfälle später ist der Ärger dann allerdings
vergessen und wir verbringen unter Lachen und Scherzen einen gemütlichen
Abend.
Der nächste Tag verläuft eigentlich fast ereignislos. Die erste Fechtvorführung
bringen wir in Kooperation mit Rhiannon (nicht unsere Idee sondern die der Veranstalter,
zwar ohne uns zu fragen, aber im Endeffekt sehr positiv und mit Wiederholungspotenzial)
erfolgreich über die Bühne. Die zweite Fechtvorführung verläuft,
obwohl mit Verspätung (wir wissen bis heute nicht ob sich der Fanfarenzug
einfach vorgedrängt hat oder vom Veranstalter eingeschoben wurde –
gesagt wurde uns jedenfalls nichts. Da voll aufgerödeltes halbstündiges
Herumstehen bei mehr als 30 Grad nicht unbedingt viel Spaß macht tragen
wir hier Tiefschlag Nummer acht ein) bis auf eine kleine Verletzung von Karo
– ja, richtig, von Karo – auch gut.
Nach der letzten Fechtvorführung beschließen wir dann, den Tag ruhig
ausklingen zu lassen und dann langsam mit dem Abbau zu beginnen. Der Plan ist
gut – die Ausführung gelingt uns nur nicht ganz. Kurzfristig ereilt
uns nämlich die Mitteilung, dass noch eine kollektive Verabschiedung aller
Gruppen stattfinden soll. Gesammelt erscheinen wir zur vereinbarten Zeit im
Burghof, nur um festzustellen, dass 1. das Vorprogramm noch immer nicht fertig
ist, 2. danach stundenlange Dankesreden gehalten werden müssen und 3. über
Kaprun schwere Regenwolken aufziehen. Also entschließt sich die Hälfte
von uns dann doch lieber zusammenzupacken und schlussendlich stehen wir zu viert
bei der Verabschiedung. Macht ja nix – wir tun’s ja gerne.
Als wir zum Lager zurückkommen, haben sich die Regenwolken wieder verzogen
und wir beginnen frohen Mutes die Sachen zusammenzupacken. Die Sonne scheint,
alles ist trocken und wir freuen uns darauf, dass wir die Sachen bis zum nächsten
Auftritt im Hänger lassen können.
Aber es kommt, was kommen muss – Tiefschlag Nummer Neun: Innerhalb von
Sekunden bricht der Weltuntergang in Form von unendlichen Wassermassen über
uns herein. Hurraaaaaa!!!! Nasse Zelte, nasses Gepäck, nasse Klamotten.
Es gibt doch nichts schöneres, als auf einer mit Rinderabfallprodukten
durchsetzten, nassen Wiese Zelte zusammenzulegen. Es nützt nichts, die
Zelte müssen ins Auto. Resigniert machen wir uns an die Arbeit und innerhalb
von einer Stunde ist dann doch alles verpackt und wir sind pitschnass und von
Tiefschlägen gezeichnet auf dem Weg nach Hause.
Alles in Allem war’s aber – auch wenn’s nicht so klingt –
trotz allem ein nettes Wochenende und ich darf in diesem Sinne nochmals der
Kristina und dem Max alles Gute zum Geburtstag wünschen.