Schaukampfgruppe Dreynschlag - Historisches Fechten
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Bad Ischl 2006

Liebes Dreyntagebuch,

kaum zu glauben, dass schon wieder ein Jahr vorbei ist… und ich immer noch nicht stattdessen Tennis spiele oder Wakeboard fahre. Ein ganzes Jahr… da sollte man doch meinen, ich wäre reifer und ausgeglichener geworden, liebes Dreyntagebuch…

Wir sind die ersten in Bad Ischl, kein Wunder, ich habe den schlaftrunkenen Enzi auch um fünf Uhr früh unter die eiskalte Dusche gezerrt. Während wir durch das Gelände fahren, winken uns die Leute freundlich zu, vereinzelt ziehen sie ihre Kopfbedeckungen. Ich beäuge sie misstrauisch und ziehe mein schon reichlich Körperbetontes T-Shirt mit der Aufschrift „Marktsprechen Sie mich nicht“ enger um mich. Extra für den Marktvogt gefertigt, liebes Dreyntagebuch. Von besagtem Marktvogt werden wir freundlich begrüßt (führe das auf Enzis generelle Beliebtheit bei Veranstaltern zurück) und auf die Duschmöglichkeiten hingewiesen. Duschmöglichkeiten, liebes Dreyntagebuch? Ich rekapituliere meine kläglichen Versuche der letzten paar Jahre, auf diesen Veranstaltungen meine Körperhygiene aufrechtzuerhalten – spontan fallen mir 3 Wasserschläuche, 2 Dorfbrunnen und einige private Duschen, die ich nur im Austausch gegen sexuelle Gefälligkeiten benutzen durfte, ein. Hier stimmt etwas nicht, liebes Dreyntagebuch, hier ist eindeutig etwas faul! Der Marktvogt steckt mir einen Anfahrtsplan zu. „Kommt das auch ins Dreyntagebuch?“, fragt er dabei mit einem verkrampften Lächeln, seine ausladenden Bartspitzen zucken nervös. Langsam wird mir da einiges klar, liebes Dreyntagebuch… Enzi betrachtet sorgenvoll meine misstrauisch hochgezogene Augenbraue und verabreicht mir gleich drei der tschechischen Lutschtabletten, die er auf einmal aus der Jackentasche zaubert. Na, was soll’s… Ich drapiere meinen Reenactorinnen-Körper malerisch auf einem Haufen Isomatten und warte geduldig auf das Eintreffen der Zelte. Geduldig, liebes Dreyntagebuch? Ja, tatsächlich finde ich zu einem Zustand tiefer Entspannung, als mir klar wird, wie brillant es ist, zu warten, bis es regnet, um die Zelte aufzubauen. Als Oli und Schneider schließlich eintreffen, stürme ich ihnen entgegen wie ein gutgelaunter Cockerspaniel und zerre sofort von durch im Hänger geplatzten Bierdosen durchsoffene Zeltplanen aus dem Anhänger. Ach, liebes Dreyntagebuch, der angenehme Duft des wohlschmeckenden Hefegebräus… Als eine Sturmwarnung für Bad Ischl herausgegeben wird, prokalmiere ich: „Nur kein Stress“, und es kommt beinahe zur ersten Verletzung, als Oli vor Schreck den Hammer gefährlich nahe neben Enzis Fuß fallen lässt.

Kaum steht das letzte Zelt, taucht der schick behütete Kopf des Marktvogts hinter dem Sonnensegel auf. Er sieht sich vorsichtig um, dann fragt er behutsam nach, ob wir drei Stunden nach Marktbeginn denn langsam in der Stimmung wären, uns zu gewanden. „Gibt es einen Umzug?“, fragte ich freundlich. Er zuckt erschrocken zusammen, als er meine melodiöse Stimme hört, der Marktvogtliche Kopf verfehlt nur knapp die Zeltstange. „Nur eine ganz, ganz kleine Markteröffnung“, haucht er und hebt entschuldigend die Schultern. Ich pfeife fröhlich vor mich hin, während ich wenig später die Schleppe meines neuen Burgundischen Kleides, auf der hinter mir eine Spätmittelaltergruppe Tempelhüpfen spielt, durch den Dreck schleife.
Spontan werden auch für den heutigen Tag ein paar Auftritte für uns angesetzt. Müssen wohl in Zukunft darauf achten, den gutmütigen und immer auftrittswilligen Enzi nicht zu lange mit den Veranstaltern alleine zu lassen. Doch vorerst wird daraus ohnehin nichts, denn eben bricht die Sintflut über uns herein. Vielmehr: EINE Sintflut, bei weitem nicht die Letzte, wie wir an diesem Wochenende feststellen werden. Der immer noch nicht gewandete Enzi lässt es sich nicht nehmen, im Hagel alle Seile nachzuspannen und ein Loch vor dem Zelteingang zu auszuheben, das uns an diesem Wochenende noch viel Freude bereiten wird. Während sich die Feuerstelle bis zum Rand mit Wasser füllt und mir unter dem Sonnensegel Ströme von Regenwasser ins Genick rinnen, öffne ich gemächlich das erste Bier. Als ich dann versuche, die Wassermassen, die sich im Sonnensegel sammeln, mittels eines Kochlöffels zu entleeren, kippe ich mitsamt der selbstgebauten Dreynbank nach hinten und lande mit meinem wohlgeformten Hintern passgenau in einer Wasserlacke. Breche in schallendes Gelächter aus, während Oli und Judith sich erst fassungslos ansehen, bevor sie mich herzlich verspotten. Gerade als es zu regnen aufhört, tauchen wieder die nervös zitternden Bartspitzen des Marktvogts hinter dem Zelt auf, der uns auf den Fackelzug hinweist. Ich werfe ihm einen freundlichen Blick zu, da springt er auf und sucht so eilig das Weite, dass er sich beinahe in unserer Lagerabsperrung verheddert. Ach ja, immer in Eile, der liebe Marktvogt…

Wir beginnen zu kochen und schon zwei Stunden später sind die Zutaten soweit vorbereitet, dass die Pfanne aufs Feuer kann. Enzi teilt die Zutaten nach Garzeiten in Gruppen ein und kündigt eine warme Mahlzeit für 22 Uhr an, während er Zwiebelwürfel karamellisiert. Gerade, als ich Weitsichtigerweise auf die zwangsläufige Überschneidung von Fackelzug und Nahrungsaufnahme hinweisen will, werden mir, diesmal von Judith, noch mehr tschechische Lutschtabletten angeboten und Schneider reicht mir noch ein Bier. Na, was soll’s, liebes Dreyntagebuch… ich biete an, den Abwasch zu machen, während der Rest zum Fackelzug eilt, irgendwie bin ich in GeberInnenlaune, liebes Dreyntagebuch… während mir also später die altbekannte Mischung von Schweinefett, Russ und dem Schaum billigen Geschirrspülmittels in die Ärmel rinnt, versorgt mich der Rest der Truppe von der Tafel aus mit entlastenden Hinweisen darauf, dass mein Walten hier völlig überflüssig sei, und ich mir doch keinen Stress machen soll. Ich fletsche nur ganz kurz die Zähne, da eilt schon Judith – im Folgenden als LNFLG (liebenswerter non-fencing Lagergeist) bezeichnet – heran und unterstützt mich mit einem Schwamm und noch mehr tschechischen Lutschtabletten. Meine Mentholgeölte Stimme hört sich schlagartig viel sanfter an… ich bekomme spontan den Wunsch, den LNFLG ganz fest zu knuddeln und werde überhaupt ganz rührselig… sehr merkwürdig, liebes Dreyntagebuch…

Am nächsten Morgen platsche ich zunächst in das von Enzi im Zelteingang ausgehobene Schlammloch und hopple dann gutgelaunt durch die anhaltenden Regenströme zum Kaffeezelt. Kaffeezelt? Du hast richtig gehört, liebes Dreyntagebuch, hier ist Einiges zu schön, um wahr zu sein. Der Marktvogt weist mich sorgsam in die Benützung der Kaffeezapfanlage ein, und bevor der Rest der Truppe auch nur erwacht ist, habe ich vier Becher Kaffee und drei tschechische Lutschtabletten intus und bin fröhlicher denn je. Ich trällere was von „Wunderschönem Tag“ und versuche, vorbeikommende Wikinger zu umarmen, während mich die völlig durchnässten Dreynschläger und Dreynschlägerbeglückerinnen mit zunehmender Verständislosigkeit begutachten. Oli beugt sich zu Enzi hinüber und ich schnappe nur was wie „Dosierungsfrage“ auf. Hat sicher nichts mit mir zu tun, liebes Dreyntagebuch, was meinst du? Ich versuche ein wenig halbherzig, Marina davon zu überzeugen, sich von so einer kleinen Schwangerschaft doch nicht von einer weiteren Übernachtung auf einer durchnässten Isomatte abbringen zu lassen.

Jene Gruppe, die hier offenbar drei Viertel des Programms hätte gestalten sollen, beschließt wegen völlig durchnässtem Equipment einen verfrühten Abbruch. Ich bezeichne sie deutlich vernehmbar als „Schönwetterreenacter“, bevor mir eine weitere tschechische Lutschtablette zu tiefgehendem Verständnis für deren großes Leid verhilft. Wir machen nun drei kleine, statt zwei großen Auftritten. Der freundliche Marktvogt lobt unsere Fechtvorführung, aber ich fand uns schon besser, liebes Dreyntagebuch, wir sind ein wenig gehemmt durch Matsch und nasse Wiese, da haben wir nämlich schlechte Erfahrungen. Im Laufe des Tages steigern wir uns allerdings zu unserer alten Form. Unseren dritten Auftritt absolvieren wir dann im Dunkeln, und ich füge der Sammlung potentieller Mottos ein weiteres hinzu: „Dreynschlag – Fechten im Finstern“. Wie durch ein Wunder bleiben Verletzungen aus, aber wir sind hier heute nicht die Einzigen, die es drauf anlegen… dazu später, liebes Dreyntagebuch.

Die Tavernenweiber der Nacht sind auch wieder da. Das letzte Jahr scheinen sie damit verbracht zu haben, Bauchtänzerinnen zu casten, anstatt sich dem Einstudieren neuer Lieder zu widmen. Sie versuchen, mich in die Irre zu führen, indem sie entweder langsamer oder schneller spielen, sobald sie mich im Publikum erspähen, aber trotz meiner unmusikalischen Schweinsohren erkenne ich ihre Versuche, mich zu täuschen. Die Ritterschaft von Irgendwas samt der zugehörigen Flöten ist diesmal nicht dabei, dafür sind zu meinem Wohlgefallen fünfzig gerüstete Polen gekommen. Wie nett von den Veranstaltern, wirklich sehr, sehr rücksichtsvoll von ihnen! Laufe hinter dem Marktvogt her, um ihm meine Begeisterung auszudrücken, aber man ahnt kaum, zu welchen Geschwindigkeiten er trotz der so spitzen Schuhe fähig ist.

Liebes Dreyntagebuch, langsam bekomme ich den Eindruck, hier scheinen es alle darauf anzulegen, mich friedlich zu stimmen… im Licht einiger weniger Fackeln machen sich zwei junge Polen zunächst mal nackig. Ich breche jetzt schon in frenetischen Jubel aus, werde aber vom LNFLG darauf hingewiesen, dass das noch nicht das eigentliche Programm ist. Die nackten Polen beginnen darauf hin, sich weit außer Distanz, dafür aber mit einer affenartigen Geschwindigkeit gegenseitig aufs Schwert zu schlagen. Das ist vor allem deswegen wichtig, weil sie ins Schwitzen kommen, und jetzt auch noch schön glänzen. Der rücksichtsvolle LNFLG schiebt eine leere Bierdose vor mich hin, damit mein heftiges Gesabber den ohnehin schon recht rutschigen Auftrittsplatz nicht endgültig in ein Schlammloch verwandelt. Der übermäßige Speichelfluss bricht dann abrupt ab, als eine Kriegerprinzessin in einem violetten Samtkleid einem gerüsteten Kollegen ein wenig ohne Plan und Ziel gegen die Klinge drischt. Ich murmle was von „Schande für die weibliche Fechterwelt“, werde aber vorsorglich mit Lutschtabletten eingedeckt und spende daraufhin versöhnt „Handgeklapper“. Die Tavernenweiber wickeln dann einen ob der Kälte schlecht gelaunte Python um einen todesmutigen Marktbesucher, und Torxes und Stix liefern die beste Feuershow, die wir je gesehen haben. Ich überrede die Dreynschläger, den Polen einen Besuch abzustatten, aber die sind inzwischen wieder angezogen, und beschränken sich darauf, sich gegenseitig lautstark anzusingen. Als Oli ankündigt, das Krüppellied zum Besten geben zu wollen, fliehe ich überstürzt zurück ins eigene Lager. Auch von dort aus kann ich jedoch am musikalischen Tiefpunkt dieses Abends teilhaben. Vor allem fühle ich mit Manuel und der LNFLG, die in unserem mehr oder weniger unmusikalischen Haufen die Einzigen sind, die die tonalischen Verfehlungen wirklich einschätzen können.

Am nächsten Morgen erwache ich gar nicht so gut gelaunt und mit einem Brummschädel. Dabei hab ich doch kaum was getrunken, liebes Dreyntagebuch… irgendwas ist hier faul, scheint mir. Ob das wohl was mit den wohlschmeckenden Lutschtabletten zu tun hat, die mir hier ständig verabreicht werden? Muss bei Gelegenheit mal nach den Inhaltsstoffen fragen. Überhaupt kann ich auf diesem Fest kaum drei Meter gehen, ohne dass mir jemand eine schöne, gute Tageszeit wünscht oder sich nach meinem Befinden erkundigt. Besonders die Veranstalter scheinen da sehr bedacht darauf. In den anderen Lagern werden schleunigst Kopfbedeckungen übergezogen, sobald ich vorbei komme, und unter unserem Sonnensegel findet sich diesmal nur eine verschwindend geringe Menge an Plastikflaschen und Bierdosen. Oli verzichtet außerdem während der (unzähligen) Auftritte völlig auf die berüchtigten Zuhältersprüche und bemüht sich stattdessen um eine Geschlechtsneutrale Sprache. FechterInnen, AngreiferInnen,… bin so stolz auf ihn! Gebe mir wie immer große Mühe, dem Schneider den Helm wegzuzwerchen, und überhaupt sind wir mal wieder die Guten. Wir sind ja so schön, schnell und authentisch, liebes Dreyntagebuch! Ach ja, der Haufen wird mir fehlen, wenn ich erst auf die Insel gezogen bin… Der Marktvogt wirkt zunehmend gestresst, durch den Wegfall der Schönwetterreenacter ist er nämlich gezwungen, uns in die Gestaltung des Programms einzubinden. „Schon wieder?“, frage ich behutsam nach, als er einige von uns unmittelbar nach einem Auftritt zu einer kleinen Stegreiftheateraufführung abholen will. Da beginnen die Marktvogtlichen Bartspitzen sich scheibenwischerartig auf und ab zu bewegen: „Das ist doch nicht meine Schuld, und ich bin hier schon wieder der Buhmann“, schluchzt er. Ich hebe die Hand, um ihm tröstend die Schulter zu klopfen, aber er zuckt so angstvoll zusammen, dass ich davon absehe. Armer Marktvogt.

Beim vorbeieilenden Jacek beschwere ich mich über die Abwesenheit von Clemens’ Schenkeln, und sofort bemühen sich alle, diesen Mangel zu beheben, ich darf mir sogar aussuchen, in welcher Tunika er erscheint. Obwohl es schon wieder regnet, hebt sich meine Laune schlagartig ungemein. Ach, liebes Dreyntagebuch, die Freuden des Reenacterinnen-Daseins… immerhin muss ich das Land nicht verlassen, ohne diesen Anblick noch einmal genießen zu können, und der LNFLG zückt die Digicam, damit ich im fernen England was zur Erinnerung habe.

Kurz vor Marktende treten wir noch mal schnell auf, das von Torxes und Stix aufgeheizte Publikum erweist sich als sehr dankbar, und so bin ich voll gutgelaunter Selbstgefälligkeit, während wir das Lager abbauen. Ich mache mich noch einmal auf die Suche nach dem Marktvogt, um mich für das wunderbare Fest zu bedanken, aber obwohl ich die zitternden Bartspitzen immer wieder in der Menge zu entdecken glaube, gelingt es mir nicht, ihn zu finden.

Es wird spät, bis wir auf der Autobahn sind, und Enzi hat offenbar noch weniger Lust als ich, um ein Uhr nachts die tropfnassen Zelte aufzuhängen, daher verzichtet er mal eben aufs Tanken, so dass der Benzinsaufende Twingo in einer Baustelle 40 km vor Wien blubbernd den Geist aufgibt, und wir uns das Ausladen der Zelte sparen und stattdessen auf einer Böschung hockend Wetten abschließen, ob der ÖAMTC eintrifft, bevor oder nachdem ein Sattelschlepper unseren halb auf der Autobahn geparkten Kleinwagen abräumt. Ach, liebes Dreyntagebuch, wie werd ich das vermissen…

Karo

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