Schaukampfgruppe Dreynschlag - Historisches Fechten
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Burg Liechtenstein 2005

"Being Karo" Oder: "Was hat eine Fechtvorführung mit einer Geschlechtsumwandlung zu tun?"

Vor drei Wochen haben wir erfahren, dass wir auf der Burg Liechtenstein im Rahmen des Burgfests auftreten sollen. Hätte ich doch damals auf das Zucken im rechten kleinen Zeh geachtet! Statt dessen habe ich - alle Warnungen ignorierend - mich gemeldet, bei der Fechtvorführung mitzumachen. Es wäre ja auch noch Zeit gewesen, eine Grippe oder eine Amputation vorzutäuschen, als sich rausstellte, dass Karo nicht mitmachen würde. Aber auch da war ich noch nicht misstrauisch genug.

Als im letzten Training vor dem Fest unser stimmgewaltiger Obmann verkündete "Die Karo iss net do, Wolfgang, moch du ihr'n Part!", da war es zu spät. Die Liechtenauer Fechter (das sind wir) sind schließlich dafür bekannt, eine Vereinsdisziplin wie eine japanische Kamikaze-Staffel zu haben. Also brüllte ich nur: "Jawohl, mein Obmann!"

Der besagte Sonntag ist schließlich gekommen. Schon beim letzten Training auf der Burgwiese wird mir klar, was es heißt, Karo zu sein. Oli macht anzügliche Bemerkungen. Ghul erklärt mir, dass ich auf gar keinen Fall seine neuen Stiefel an den Bühnenboden heften dürfe - als ob ich das schon jemals gemacht hätte! Enzi mault, dass ich mich beim Verhängen nicht so anstellen solle. Und beim Knicksen verhasple ich mich mit meinem Schwert. Das kann ja was werden!

Das Fest selbst ist wirklich nett, die Organisatoren sehr bemüht, die Burg als Kulisse wirklich ausgesprochen hübsch!
Unser Auftritt rückt näher, Oli macht anzügliche Bemerkungen. Ich beginne langsam in meine Rolle hineinzuwachsen. Das bemerke ich ganz deutlich, als ich am Büffet pötzlich mehr Gusto auf frischen Sturm als auf Bier habe! (Egal, vor dem Auftritt wird nichts getrunken, wie gesagt: Vereinsdisziplin wie eine Kamikaze-Staffel.) Ich beginne, weiblich zu denken. Ich habe sämtliche Huten vergessen. Enzi zeigt sie mir noch einmal. Geduldig. Diesen seltsamen Ausdruck in seinem Gesicht habe ich bis jetzt noch nie bemerkt! Ghul weist mich auf seinen neuen Stiefel hin. Oli macht anzügliche Bemerkungen.

Der Moment ist da, wir treten auf. Gut, dass ich Karos Kleid nicht angezogen habe! Es hätte mir wahrscheinlich ohnedies nicht gepasst. Ich verhasple mich auch so beinahe beim Betreten der Bühne. Oli kündigt uns in gewohnter Weise als Ausdruckstanztruppe an. Dann: "...Und im letzten Teil wird's noch einmal so richtig gefährlich, denn da spielt Wolfgang mit. Wolfgang ist heute unsere Quotenfrau. Karo konnte nämlich nicht..." Mein Knicks gelingt mir schon richtig gut, ich werde auch nur ein bisschen rot. Im Kleid wäre ich jetzt über mein Schwert gestolpert. Oli macht anzügliche Bemerkungen.

Die Vorführung beginnt. Olis lautstarke Erklärungen über das Ringen hört und versteht das Publikum noch, Enzis spätere Erläuterungen über den Kampf mit dem Messer hört man zumindest noch in den ersten Reihen, was Ghul übers lange Schwert erzählt, versteht akustisch wohl niemand mehr. Ist aber auch egal. Diese Ungeheuer da unten wollen sowieso nur eines: uns hier oben bluten sehen. Oh mein Gott, ich fürchte, diesen Wunsch werden wir ihnen erfüllen! Ich habe alle meine Huten vergessen! Ist mir das auch schon passiert, als ich noch Wolfgang war? Enzi blickt mich vom anderen Bühnenende so seltsam an!
Das Publikum wird immer lauter, je mehr es so aussieht, als ob es weh täte. Mein Gott, die wollen uns tatsächlich bluten sehen!
Nach Ringen, Dolch, Messer und einigen feigen - äh italienischen - Stichen, nach unzähligen angedeuteten Verstümmelungen des gegnerischen Gemächts (mein Gott, Männer können ja so roh sein!), nach unzähligen "wengan - beliebig einzusetzendes Nomen - warats gwes'n!" (Das macht Oli in seiner Zuhältermanier nur, um mich zu ärgern!) - nach all dem ist die Schwertvorführung dran. Ich habe meine Huten vergessen. Oli macht anzügliche Bemerkungen. Wie stehen die anderen da? Ah, in der Hut vom Tage beginnen wir! Ghul sticht mich nieder, Enzi auch, Oli haut mir auf den Popo, so behandelt man keine Dame! Zumindest den kleinen Monstern vor der Bühne scheints zu gefallen; die lachen und quietschen vor Vergnügen. Jetzt bin ich dran! Irgendwie komme ich über die Runden. Ich verfehle Ghuls neuen Stiefel um Haaresbreite, dafür verhängt sich mein Schwert mit Enzis Parierstange; aus dem geplanten Unterhau gegen die Brust wird wohl nix mehr. Bleibt mir nur mehr ein Zwerchhau gegen seine Nieren. Tut auch schön weh. Enzi stiert mich ausdruckslos an, während er umfällt. Der soll sich mal nicht so anstellen! Olis Blick verrät tatsächliche Panik. Völlig umsonst! Die letzte Runde kämpfen wir dann ganz langsam - Oli erklärt dem Publikum, dass wir das absichtlich machen, wir könnten es schon schneller auch!

Am Ende sind wir alle unverletzt, es umtost uns der Beifall, ich liebe das Publikum! Noch ein Knicks, dann verlassen wir die Bühne. Meine Güte, wie mich die Kerle alle anstarren! Enzi mault was von wegen "Brust, nicht Niere" - was hat er denn, er lebt ja noch! Wie kann es eine Frau nur mit so einem nachtragenden Kerl aushalten! Oli macht anzügliche Bemerkungen.

Der Rest vom Fest: Ein paar ganz neue Aspekte in Sachen Schaukampf gesehen, wirklich gute Musik von den üblichen Verdächtigen (Judith und Flo haben jetzt irgendwas mit Trollen zu tun, und natürlich die Joculatores - gewohnt gut und Arnulf das Urgestein), eine nicht enden wollende Versteigerung, eine sehr hübsche Feuershow; und dann zum Abschlussapplaus bin ich plötzlich der einzig verbliebene Dreynschläger. Alles muss frau alleine machen!

Wie wird es wohl sein, der echten Karo im Training zu begegnen? Mut, da musst du durch, Mann!

Der Putz

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