"Being Karo" Oder: "Was hat eine
Fechtvorführung mit einer Geschlechtsumwandlung zu tun?"
Vor drei Wochen haben wir erfahren, dass wir auf der Burg Liechtenstein im
Rahmen des Burgfests auftreten sollen. Hätte ich doch damals auf das Zucken
im rechten kleinen Zeh geachtet! Statt dessen habe ich - alle Warnungen ignorierend
- mich gemeldet, bei der Fechtvorführung mitzumachen. Es wäre ja auch
noch Zeit gewesen, eine Grippe oder eine Amputation vorzutäuschen, als
sich rausstellte, dass Karo nicht mitmachen würde. Aber auch da war ich
noch nicht misstrauisch genug.
Als im letzten Training vor dem Fest unser stimmgewaltiger Obmann verkündete
"Die Karo iss net do, Wolfgang, moch du ihr'n Part!", da war es zu
spät. Die Liechtenauer Fechter (das sind wir) sind schließlich dafür
bekannt, eine Vereinsdisziplin wie eine japanische Kamikaze-Staffel zu haben.
Also brüllte ich nur: "Jawohl, mein Obmann!"
Der besagte Sonntag ist schließlich gekommen. Schon beim letzten Training
auf der Burgwiese wird mir klar, was es heißt, Karo zu sein. Oli macht
anzügliche Bemerkungen. Ghul erklärt mir, dass ich auf gar keinen
Fall seine neuen Stiefel an den Bühnenboden heften dürfe - als ob
ich das schon jemals gemacht hätte! Enzi mault, dass ich mich beim Verhängen
nicht so anstellen solle. Und beim Knicksen verhasple ich mich mit meinem Schwert.
Das kann ja was werden!
Das Fest selbst ist wirklich nett, die Organisatoren sehr bemüht, die
Burg als Kulisse wirklich ausgesprochen hübsch!
Unser Auftritt rückt näher, Oli macht anzügliche Bemerkungen.
Ich beginne langsam in meine Rolle hineinzuwachsen. Das bemerke ich ganz deutlich,
als ich am Büffet pötzlich mehr Gusto auf frischen Sturm als auf Bier
habe! (Egal, vor dem Auftritt wird nichts getrunken, wie gesagt: Vereinsdisziplin
wie eine Kamikaze-Staffel.) Ich beginne, weiblich zu denken. Ich habe sämtliche
Huten vergessen. Enzi zeigt sie mir noch einmal. Geduldig. Diesen seltsamen
Ausdruck in seinem Gesicht habe ich bis jetzt noch nie bemerkt! Ghul weist mich
auf seinen neuen Stiefel hin. Oli macht anzügliche Bemerkungen.
Der Moment ist da, wir treten auf. Gut, dass ich Karos Kleid nicht angezogen
habe! Es hätte mir wahrscheinlich ohnedies nicht gepasst. Ich verhasple
mich auch so beinahe beim Betreten der Bühne. Oli kündigt uns in gewohnter
Weise als Ausdruckstanztruppe an. Dann: "...Und im letzten Teil wird's
noch einmal so richtig gefährlich, denn da spielt Wolfgang mit. Wolfgang
ist heute unsere Quotenfrau. Karo konnte nämlich nicht..." Mein Knicks
gelingt mir schon richtig gut, ich werde auch nur ein bisschen rot. Im Kleid
wäre ich jetzt über mein Schwert gestolpert. Oli macht anzügliche
Bemerkungen.
Die Vorführung beginnt. Olis lautstarke Erklärungen über das
Ringen hört und versteht das Publikum noch, Enzis spätere Erläuterungen
über den Kampf mit dem Messer hört man zumindest noch in den ersten
Reihen, was Ghul übers lange Schwert erzählt, versteht akustisch wohl
niemand mehr. Ist aber auch egal. Diese Ungeheuer da unten wollen sowieso nur
eines: uns hier oben bluten sehen. Oh mein Gott, ich fürchte, diesen Wunsch
werden wir ihnen erfüllen! Ich habe alle meine Huten vergessen! Ist mir
das auch schon passiert, als ich noch Wolfgang war? Enzi blickt mich vom anderen
Bühnenende so seltsam an!
Das Publikum wird immer lauter, je mehr es so aussieht, als ob es weh täte.
Mein Gott, die wollen uns tatsächlich bluten sehen!
Nach Ringen, Dolch, Messer und einigen feigen - äh italienischen - Stichen,
nach unzähligen angedeuteten Verstümmelungen des gegnerischen Gemächts
(mein Gott, Männer können ja so roh sein!), nach unzähligen "wengan
- beliebig einzusetzendes Nomen - warats gwes'n!" (Das macht Oli in seiner
Zuhältermanier nur, um mich zu ärgern!) - nach all dem ist die Schwertvorführung
dran. Ich habe meine Huten vergessen. Oli macht anzügliche Bemerkungen.
Wie stehen die anderen da? Ah, in der Hut vom Tage beginnen wir! Ghul sticht
mich nieder, Enzi auch, Oli haut mir auf den Popo, so behandelt man keine Dame!
Zumindest den kleinen Monstern vor der Bühne scheints zu gefallen; die
lachen und quietschen vor Vergnügen. Jetzt bin ich dran! Irgendwie komme
ich über die Runden. Ich verfehle Ghuls neuen Stiefel um Haaresbreite,
dafür verhängt sich mein Schwert mit Enzis Parierstange; aus dem geplanten
Unterhau gegen die Brust wird wohl nix mehr. Bleibt mir nur mehr ein Zwerchhau
gegen seine Nieren. Tut auch schön weh. Enzi stiert mich ausdruckslos an,
während er umfällt. Der soll sich mal nicht so anstellen! Olis Blick
verrät tatsächliche Panik. Völlig umsonst! Die letzte Runde kämpfen
wir dann ganz langsam - Oli erklärt dem Publikum, dass wir das absichtlich
machen, wir könnten es schon schneller auch!
Am Ende sind wir alle unverletzt, es umtost uns der Beifall, ich liebe das
Publikum! Noch ein Knicks, dann verlassen wir die Bühne. Meine Güte,
wie mich die Kerle alle anstarren! Enzi mault was von wegen "Brust, nicht
Niere" - was hat er denn, er lebt ja noch! Wie kann es eine Frau nur mit
so einem nachtragenden Kerl aushalten! Oli macht anzügliche Bemerkungen.
Der Rest vom Fest: Ein paar ganz neue Aspekte in Sachen Schaukampf gesehen,
wirklich gute Musik von den üblichen Verdächtigen (Judith und Flo
haben jetzt irgendwas mit Trollen zu tun, und natürlich die Joculatores
- gewohnt gut und Arnulf das Urgestein), eine nicht enden wollende Versteigerung,
eine sehr hübsche Feuershow; und dann zum Abschlussapplaus bin ich plötzlich
der einzig verbliebene Dreynschläger. Alles muss frau alleine machen!
Wie wird es wohl sein, der echten Karo im Training zu begegnen? Mut, da musst
du durch, Mann!