Nachdem es mir wunderbar gelungen war mich aus der Organisation
im Vorfeld so weiträumig wie nur irgend möglich heraus zu halten begann
es für mich also so richtig erst am so genannten „Anreisetag“,
dem Freitag.
Da gute Einteilung das halbe Leben ist, habe ich selbstverständlich
auch den Freitag noch so gestaltet, dass ich nach Verlassen des Steinbruches,
in dem ich meine kärglichen Cent verdiene, noch mit Chris einen Lehrauftritt
auf der Universität Wien -selbstverständlich unter großer Begeisterung
der Studenten und Lehrbeauftragten – absolviere, um mir so, wie ich meine,
die Unbill des Einkaufens zu ersparen, und kreuze erst, noch halbwegs gut gelaunt,
gegen 16.30 beim Eventort, dem TGM (welchen wir ja ohne meine wunderbaren Beziehungen
nie und nimmer bekommen hätten, aber das ist eine völlig andere Geschichte)
auf. Die Menge der anwesenden freudig erregten Gesichter ist ein Lokal mit niedrigem
Tresen, also überschaubar, denn außer Martin und Harry, die zu den
Klängen der Brandenburgischen Konzerte das kreative Herumlümmeln perfektionieren,
ist niemand hier; und auch auf die Frage, wie viele Teilnehmer denn bereits
angekommen wären, reicht Martin als Antwort eine gelangweilt gehobene Hand
mit vier ausgestreckten Fingern.
Doch das süße Nichtstun hat ein abruptes Ende als
Enzi androht, die von uns eingeplanten 240 Liter Fruchtsaft jetzt selbst einkaufen
zu gehen. In Anbetracht der Tatsache dass erst wenige Monate ins Land gezogen
sind seit besagter Herr nach einem Bandscheibenvorfall mehrere Wochen lang eine
Rehabklink von innen betrachtet hat, rasen Walter, Dorian und ich also zum Hofer,
wo einer von uns Orangensaftpaletten in einen Einkaufswagen lädt, der zweite
das selbe mit Apfelsaft erledigt und der dritte damit beschäftigt ist,
Enzi nichts heben zu lassen. Ein unwürdiges Crashrennen mit voll beladenen
Einkaufswagen über die Wexstraße später beginnt das fröhliche
Gepansche, auch „Umfüllen von Tetrapacks in Plastikkanister“
genannt. Bert und ich stellen uns ganz unabsichtlich so blöd dabei an,
dass diese Aufgabe für den weiteren Verlauf des Wochenendes Dorian vorbehalten
bleiben werden wird … gefickt eingeschädelt!
Gut, mittlerweile tröpfeln einige Teilnehmer langsam und
gemächlich ein – und telefonisch erreicht uns die Botschaft, dass
der Mann mit dem längsten Anreiseweg, Fabriel aus Lothlorien, eine Panne
an seiner Kusche hat und wohl mit ziemlicher Verspätung eintrudeln wird.
In the meantime holt Harry noch ein Paar Leute ab und ich bändige einige
ob der Tatsache dass es in der Alpenrepublik noch kein Pfand auf Bierdosen gibt
euphorisch werdende bundesdeutsche Nachbarn.
Auf zum geselligen Beisammensein beim tiefen Wirten unseres
Vertrauens – hatte ich vor einer Stunde noch Angst gehabt, dass dieser
Einstandsabend ein Dreyntrunk mit drei bis fünf Gästen werden könnte,
bin ich doch überrascht, als hier plötzlich viel mehr Leute auftauchen
als schon beim gestrengen Torwächter Martin eingecheckt haben, vor allem
eine große Ochs-Abordnung ist direkt an die Tränke gewandert –
wen wundert’s? Im Laufe des Abends sollen dann noch einige Nordländer
von der Größe des Wiener Schnitzels überrascht werden und eine
nicht näher bezeichnete Rheinländische Lichtgestalt lernt die Bedeutung
des Wortes „Fluchtseidl“ kennen – und so vergeht auch dieser
Tag unter Lachen, Scherzen und Wiedersehensfreude.
Samstag morgen – ab 8 sollen die Leute ankommen und einchecken,
damit es um 9 losgehen kann – selten so gelacht. Ab 10 vor neun beginnen
einige müde Gestalten daher zu wanken, während die Dreyncrew schon
seit dreiviertel acht vor Ort ist und herumwuselt wie ein kleiner Ameisenstaat
auf Ecstasy. Die erste erbauliche Überraschung bietet dann der Anblick
von Zornhau’s one and only Torsten, unserem Spezialisten für schwarze
Musik und Halbschwert – er erscheint auf Krücken, mit einem eingerissenen
Meniskus im Gepäck. Na das fangt ja gut an, ein Trainer der nicht mehr
gehen kann …
Endlich, mit etwa 40 Minuten Verspätung kann ich in tiefer
Demut und Bescheidenheit, wie das nun mal meine Art ist, einige wenige eröffnende
Worte zur Begrüßung und zum Thema Ablauf sprechen, fasse mich selbstverständlich
spartanisch kurz wie immer, und dann kann es, nach einem ledernackenausbildnerverdächtigen
Aufwärmen von Hans, endlich losgehen – Marlon weiht die Teilnehmer
in die Grundlagen des Dolches ein (während einige andere Leute sich bemüßigt
fühlen, sich im anderen Saal unter dem Vorwand des „Sparring“
gegenseitig das Hirn aus dem Schädel zu prügeln). Irgendwann während
meiner 138 Telefonate dieses Vormittags (Fabriel noch nicht da, die Italiener
um Marco Rubboli noch nicht da, was ist mit dem Essen, warum sind die Klos versperrt,
wie funktioniert der abendliche Transfer, wie stehen meine Hedgefonds, etc etc)
steht der nächste verletzte Trainer vor mir: Bart blutet aus der Nase wie
die Nebendarstellerin eines drittklassigen Splatterfilmes. Flugs unsern Hampelmedic
organisiert, der mit seiner stilgerecht im Totenschädeldesign gehaltenen
Erste-Hilfe-Box ausrückt, um das rote Meer aus Polen zum Versiegen zu bringen.
Gut so.
Die nächsten beiden Anfängerlessons verbringe ich
im Dienste der Kulinarik – während Hans-Jörg’s Basic-Lesson
in Messer und Langschwert schneide ich stilgerecht und passend mit Balrog Karo
und Sani Walter Brot für die hungrige Meute, und während our only
Deppen Chris und Bert mit Mordäxten und Gummihühnern fuchteln, sind
wir damit beschäftigt, die Aufstriche, die am Donnerstag eingekauft und
eingekühlt wurden (Zitat Thomas: „Die könnts ruhig in meine
Tiefkühltruhe stellen, die is eh schon fast hin und kühlt nur mehr
wie ein normaler Kühlschrank“) und sich mittlerweile in Blöcke
von der Dichte handelsüblichen Granits mittlerer Qualität verwandelt
haben, mittels Heißwasser und Spitzhacken schleunigst in eine essbare
Konsistenz zu bringen … wir schwitzen mindestens genauso wie die Seminarteilnehmer.
(Exitpolls unter letzteren bringen im übrigen zu Tage, dass die Basic-Lessons
– wie natürlich nicht anders zu erwarten war – sehr gut angekommen
sind).
Anlässlich der Essenausgabe bemerken wir, dass der Hunger
mancher Beteiligter offenbar mehr in den Augen als im Magen besteht –
und lernen für die Zukunft, dass man auch so simple Dinge wie Aufstriche
und Brot an die Leute ausgeben und ihnen nicht freien Zugriff einräumen
sollte. Enzi und Harry fahren um Nachschub, während einige Plastikschüsseln
mit Inhalt im Mist landen …
Die Pause tut gut und man kommt endlich zu ein wenig Small
Talk mit einigen Leutchen die man bestenfalls ein mal im Jahr sieht …
und endlich landen auch die Italiener und die Hochelben. Einem gepflegten fechterischen
Nachmittag steht nichts im Wege … außer natürlich die Tatsachen,
dass ich zum einen eh für keine Lesson irgendwie Zeit habe und dass mir
zum anderen bei der ersten Lesson, die ich echt voll mitmachen will (Marcos
Fiore-Lesson) mein Handgelenk, welches ich durch den wiederholt erfolglosen
Versuch beim Fußballspielen einen würdigen Tormann abzugeben, 10
Tage vor dem Event ärgstens verstaucht habe, mir derartige Wonnen bereitet,
dass selbst ein hartgesottener Masochist an meiner Stelle das Training nach
längstens einer Stunde abgebrochen hätte (ich bereits nach einer halben
…).
Also nutze ich den Rest vom Nachmittag, der mir zwischen organisatorisch
bedingtem Herumhampeln bleibt, mit wichtigem Herumstehen, kritischem Beäugen
und mit unter tatkräftiger Unterstützung der Tabakindustrie Fachsimpelei
(Euphemismus für „Blöd herumreden und Schmäh führen“)
mit Gleichgesinnten. So gegen 18.00 haben wir dann den ersten aktiven Tag im
TGM herumgebracht, manche Leute sind nur operativ von ihren Fechtmasken und
Übungsschwertern zu trennen, doch wir müssen uns als Rausschmeißer
betätigen, da wir eigentlich schon längst woanders sein sollten –
in einem von einem akademischen Corps angemieteten Keller zwecks Anrichtung
des Abendmahles.
Wir hetzen also in einen parkplatztechnisch äußerst
günstig gelegenen Teil von Wien und beginnen mit den Vorbereitungen –
Chinamann liefert Buffet und mir kommen schon leise Zweifel, ob das alles reichen
wird … was in keinem Fall reichen wird, ist die Besteckmenge, doch flugs
wird vom nahe gelegenen Japaner unter Aufbietung aller weiblichen Reize, die
Dreynschlag zu bieten hat, ein großer Posten Stäbchen organisiert
(wenn auch zu Wucherpreisen, aber was soll’s). Als nun alle zu stopfenden
Mäuler endlich da sind, wird zum Sturm aufs Buffet geblasen, und ich brauche
nur die ersten fünf Leute bzw. die Mengen, die sich diese auf die Teller
laden, beobachten (wobei sich hier auch einer der unseren, dessen Namen unerwähnt
bleiben soll, unlöblich hervortut und kräftig auf den Putz haut …
zur Strafe wird er später das Geschirr spülen …) und wissen,
dass die Menge nie und nimmer ausreichen wird. Hektisch wird Kriegsrat gehalten
und schon düst das nimmermüde Harrymobil los zum Pizzaholen.
Selbst die 20 Pizzen, die dann nachgeliefert werden sind in
ca. 5 Minuten verputzt, aber mehr ist heute nicht mehr drin. Ich sinke erschöpft
auf einen Sessel, leere Bier in mich hinein, unterhalte mich mit vielen Leutchen
und erkläre mich in meinem Dusel offenbar bereit, mich anderntags für
eine Art Jungfechterkalender nackig ablichten zu lassen … Scheißalkohol.
Als ich dann endlich bettwärts aufbreche komme ich am „Paukboden“
des Corps vorbei, in dem der Anwesende coleurierte Aufpasser einem interessierten
Grüppchen historischer Fechter die Grundbegriffe des Mensurfechtens erklärt
… dürfte doch so etwas wie Technik involviert sein, denke ich im
Abgehen und bemerke, dass vor allem Marlon all diese Infos aufsaugt wie ein
Schwamm … tät mich also nicht wundern, wenn bei GeC bald Leute mit
Schmissen vom Training heim kommen.