Es war einmal ein ungleiches Brüderpaar. Schneeweißchen und Hosentod
hießen die beiden, die sich im ganzen Land einer großen Beliebtheit
erfreuten. Wenn man die zwei Gestalten so durch die Walde schlendern sah, der
Eine etwas bleich und zierlich, der Andere knallrot und stämmig, zauberten
sie unweigerlich ein Lächeln auf die Gesichter der Beobachter.
Schneeweißchen liebte ausgiebige Gespräche über Gott, die Welt
und ähnliche Themen, was dem brummigen Hosentod jedoch zumeist den letzten
Nerv zog. So knurrte und drohte, so bellte und greinte er; aber es half nichts.
Schneeweißchen merkte ja nicht einmal sein Flehen um ein Ende des verbalen
Martyriums.
Nun war guter Rat teuer. Er konnte nicht einfach seinen Bruder gewaltsam zum
Schweigen bringen, war er doch immerhin sein eigen Fleisch und Blut, ganz egal
wie nervtötend diese bleiche Flachse auch sein konnte. Im Gedanken verloren
schlurfte er Schneeweißchen hinterher und zerbrach sich seinen roten Kopf
über einen möglichen Ausweg aus dem Dilemma.
Die Stunden vergingen träge, und gerade als Hosentod sein Schicksal als
zukünftiges Einzelkind akzeptieren wollte, kam die Lösung fröhlich
pfeifend hinter der nächsten Waldbiegung hervor. Ein großer, hagerer
Junge mit Strohhut trat ihnen entgegen und musterte die beiden Fremden voller
Neugier. Selbst Schneeweißchen hielt in seiner Ausführung über
die politische Situation der Topfpflanzen inne, um den Blick der abgerissenen
Gestalt zu erwidern. Allzu interessant war die Erscheinung Huckleberrys wohl
nicht, denn schnell besann er sich eines Besseren und tauchte wieder in die
zauberhafte Welt der Rhetorik ein. Hosentod hingegen erkannte in der Gestalt
das Ventil, nach dem er schon die längste Zeit Ausschau gehalten hatte.
Jauchzend packte er den Burschen und hämmerte ihn laut krachend zu Boden.
Ein lautes Protestieren der Hosennaht später gehörten sein Jähzorn,
sowie Huckleberrys Beinkleid der Vergangenheit an.
Aufgeschreckt durch den plötzlichen Lärm traten aus einem kleinen
Häuschen, welches im Wald versteckt lag, zwei Gestalten auf die Lichtung.
Wie erschauderten die drei Helden beim Anblick der sich ihnen bot, waren doch
die Bewohner der Hütte das berüchtigte Braunlöckchen und sein
kleiner, grüner Kumpan Rumpelstilzchen.
Das hübsche Braunlöckchen war berüchtigt für sein Hantieren
mit vernichtend blöden Wortwitzen; so musste schon so mancher unachtsame
Wandersmann eine neurologische Notoperation über sich ergehen lassen. Kam
dann auch noch sein etwas grindiger Mitbewohner hinzu, waren Hopfen, Malz und
mentale Gesundheit restlos verloren.
Der erste Schritt zu einer heillosen Flucht war bereits getan, als Rumpelstilzchen
(der mit dem lustigen Hut) in seltsam anmutende Zuckungen verfiel. Gefangen
von der hypnotischen Wirkung des grünen Gesellen, mussten sie folgende
verschmilzte Frage Braunlöckchens hilflos über sich ergehen lassen:
"Wisst ihr weshalb man das hier Schwert nennt?".
Kopfschmerzen begannen sich in konzentrischen Kreisen auszubreiten, doch zum
Glück unterbrach ihn der kleine grüne Waldschrat ehe es letal werden
konnte mit einer barschen Aufforderung zum Moluskentanz. Schnell, bevor jemand
dankend ablehnen konnte, begann der seltsame Reigen erneut und alle bis auf
Hosentod stimmten mit ein. Von diesem war nämlich der magische Bann mit
samt dem letzten Quäntchen Selbstbeherrschung abgeblättert und nun
hielt ihn nichts mehr davon ab, munter auf dem Kopf des hübschen Braunlöckchens
herum zuspringen.
Ritsche, Ratsche hörten die Anderen, Ritsche, Ratsche und entzwei war
des Löckchens enge Hose. Zu der von Hosentod vorgesehenen Umbenennung in
Blutsüppchen kam es dann aber doch nicht, da er schließlich wild
zerrend zur Vernunft gebracht werden konnte.
Der Nebel der Gewalt lichtete sich langsam, um ausgelassener Stimmung und sinnlosem
Gelächter Platz zu machen. Ja sie amüsierten sich köstlich, sie
lachten schallend, sie lachten leise, sie lachten hinter vorgehaltener Hand,
aber vor allem lachten sie komplett grundlos über Witze, die eigentlich
nicht wirklich komisch waren. Der sechsstimmige Chor erreichte gerade seinen
Höhepunkt, als das kluge Schneeweißchen, scharf und spitz wie es
war, erkannte, dass da einer für zwei grölte. Die Fünf, gar nicht
dumm, verstummten abrupt, um den Ursprung des Gegackers ausfindig zu machen.
Tatsächlich hatte sie jemand belauscht, denn aus dem tiefen Dickicht konnte
man noch das eine oder andere Glucksen vernehmen. Ein seltsames Raunzen klang
in ihren Ohren. Wieder war es das kluge Schneeweißchen, niemals um eine
Antwort verlegen, das wusste, wer sich dahinter verbarg. „Eine morsche
Patschertbirke“ berichtete er seiner staunenden Zuhörerschar. „Eine
Patschertbirke?“ raunten sie voller Erfurcht. Konnte das sein? Gab es
sie wirklich?
Jeder von ihnen hatte schon von dem wunderlichen Gewächs gehört,
welches ganze Märchenbücher füllte, aber dass es wirklich existierte,
daran glaubten sie genau so wenig wie an den Weihnachtsmann oder die eigene
Vernunft. Man erzählt sich, es sei ein sprechender Baum, der es trotz seines
wurzelbedingten festen Standes fertig bringt, sich ernsthaft selbst zu verletzen.
Das kam so häufig vor, dass die Patschertbirken aus den ständigen
Schmerzensschreien eine eigene Sprache entwickelt hatten und sich auf diese
Art und Weise mit ihrer Umwelt unterhielten. In den alten Geschichten jubelten
die bösen schwarzen Ritter dem strahlenden Held stets eine Lanze aus Patschertbirkenholz
unter. Die splittern nämlich so schön.
Hosentod war der erste, der sich seinen Weg durch das Dickicht gebahnt hatte.
Staunend stand er vor dem magischen Gewächs, umgeben von zahlreichen „UFFs“
und „AUAs“ Welch ein Anblick. Selbst in den Erzählungen wurden
sie nie so groß wie diese. (Meistens brachen sie sich selbst entzwei,
oder wurden von irgendjemandem überrollt. Die Autoren schweigen sich zu
diesem Thema beharrlich aus. Einig sind sie sich jedoch darüber, dass das
Ende unerwartet und unwürdig eintritt.)
Endlich kam auch die restliche Gesellschaft hinterher getrottet, gerade noch
rechtzeitig, um Hosentod dabei zu beobachten, wie er ehrfürchtig das Holz
der Birke berührte. Was sie außerdem noch sahen, war ein kleines
zierliches Wesen mit einem kleinen zierlichen Schwert, welches scheinbar aus
dem Nichts heraussprang. Fast schon wäre ihnen ein einheitliches „OOOOOHHHH,
wie süß“ entrutscht. Davon abgehalten wurden sie von besagter
Klinge, die blitzschnell auf den ahnungslosen Hosentod herabsauste. Nach getaner
Arbeit funkelte sie noch einmal auffordernd in das verängstigte Publikum.
Ihr Blick blieb bei Huck hängen. Schnellen Schrittes stapfte sie auf diesen
zu, riss dessen Strohhut an sich und murmelte etwas von wegen „mieser
Hutdieb.“ Mit einem gleichgültigen Achselzucken zauberte er wie aus
dem Nichts einen hübschen roten Zylinder aus dem Handgelenk. Gleich darauf
begann er etwas wirr zu kichern.
Dem Hosentod noch auf die wackeligen Beine geholfen, eines schien ein wenig
angebrochen zu sein, lachten sie wieder über das erfolgreiche Abenteuer,
ohne sich zu fragen, worin es überhaupt bestanden hatte. Des Hosentods
Nemesis stellte sich als die Gärtnerin vor, jetzt wurde auch allen klar,
warum die morsche Birke sich noch nicht selbst vernichtet hatte.
„Meine Blätter sind doch wohl hoffentlich geputzt, bis der Waldumzug
beginnt “ wies der Baum, der faul und träge an seinem Platz, stand
die Gärtnerin an. „Ein Umzug? Da kommen wir mit!“ tönte
es wie aus einem Mund. Huck funkelte Rumpelstilzchen herausfordernd an. Kurz
wiegte dieser die Alternativen gegeneinander ab, und beschloss, seiner Umwelt
nicht mitzuteilen, was ihm so alles zu dem Wort „Umzug“ einfiel.
Ein beißender Geruch erstickte die Vorfreude auf ein buntes Treiben mit
den Waldbewohnern, im Keim. Taumelnd stolperten sie halb narkotisiert über
die arme Patschertbirke. Dem starken Odeur der Verwesung folgte ein Schwarm
gieriger Aasfliegen, und denen hinterher ein halb verwestes Stück Fleisch.
Kein Steak oder Kotelett, nein, vollständiger. Da war alles dran: Körper,
Arme, Beine und sogar ein halbwegs intakter Kopf, abgesehen von einigen klaffenden
Wunden, aus denen zum Teil noch Operationsbesteck ragte. Dem Chirurgen war wohl
mitten drin die Lust vergangen, denn der Scheitel in der Mitte erstrahlte weiterhin
in unschuldigem Blond, ganz unbeeindruckt von dem ihn umgebenden Bild der Verwüstung.
Bei genauerer Betrachtung würde einem die eine oder andere Seltsamkeit
an dem Wesen auffallen. (Vielleicht einige mehr, wenn man den Anblick von vor
sich hin modernden Untoten nicht gewöhnt war.) Unmengen von Kleidern baumelten
an dem debil glücklich aussehenden Ghul; zahlreiche Lagen Stoff, Plastik
und Stahl mischten sich mit diversen Hasen, Bambis und Hunden, welche er sich
einfach übergezogen hatte. Einige der bemitleidenswerten Kreaturen zuckten
noch spastisch oder gaben letzte röchelnde Krächzer von sich. In manches
konnte er jedoch auch mit noch so viel gut gemeinter Brutalität nicht hineinschlüpfen.
Jene Dinge baumelten lose an einem Seil, befestigt an seinem Hals.
Allzu lange konnten sich unsere Freunde jedoch nicht über den Ghul wundern,
denn schon hörten sie die Trommeln des Waldumzuges ertönen. Da war
natürlich keine Zeit, den neuen Gefährten mit Fragen zu bombardieren.
Selbst auf die essentiellen vergaß man; ob er in der Gruppe die neuesten
Errungenschaften der Haute Couture sah, beispielsweise. Doch zum Glück
war er genau wie der Rest der seltsamen Gesellschaft so sehr damit beschäftigt
sich hektisch für das bevorstehende Ereignis herauszuputzen. Die Gärtnerin
griff zu einem gar nicht mehr niedlich anzusehendem Werkzeug mit bösartig
vielen Spitzen an jedem Ende. Man darf ruhig an dessen Verwendungszweck als
Gartenutensil zweifeln. Wäre ein aufmerksamer Dritter auf die Idee gekommen
nachzubohren, hätte er etwas über revolutionäre Ansätze
in der Herzchirurgie erfahren.
Mit einem Handgriff hier und da musste man sich schließlich zufrieden
geben, denn schon bogen die ersten Trommler um die Ecke. Halb nackte Orang Utans
hämmerten auf kleine, hohle Baumstämme. Aus einem unerfindlichen Grund
waren sie wohl der Meinung gewesen, sie müssten sich bis zu den Lenden,
Gott lob nicht drüber hinaus, kahl rasieren. Dicht hinter ihnen zog eine
kleine, lauthals röhrende Horde Elche. Warum allerdings wiederholten sie
in endloser Litanei den Namen von Garfields Hund Odi? Ein Rätsel, welches
sich auch bei dem späteren, erstaunlich gewaltfreien Prumpftverhalten nicht
klären sollte. Zahlreiche verwirrende Wesen später, erblickte die
hübsch anzusehende Birke eine Kompanie von grazilen Pfauen; Erscheinungen,
die den Rest des Feldes wie bunte Regenbögen überstrahlten. Schnell
nahm er seine Wurzeln unter den Ast, um sich mit den Anderen hinter den edlen
Vögeln einzureihen. Das Schlusslicht bildete eine Rotte von Katern, die
sehr gewagte Hüte trugen. In Anbetracht ihrer großen Auswahl an Musketen
und Kanonen kamen aber provokante Witze wohl nur selten vor. Welch eine Heiterkeit
herrschte in den Reihen. Alles feierte fröhlich, eine lange Polonäse
tanzend, bis in den Sonnenuntergang.
Hier verlassen wir nun unsere Freunde, und mit ihnen das wunderbare Dreynschlagland.
Doch wenn ihr auf unserer Homepage genau hinseht, findet ihr unsere kommenden
Termine, und wenn ihr brav seid, so könnt ihr vielleicht sogar den einen
oder anderen Ausdruckstanz sehen.
Anmerkung:
Man will sich ja nicht mit fremden Federn schmücken, daher: Die Idee, sich
diverses Getier überzuziehen, ist nicht auf mich sondern auf Erik zurückzuführen.
Woher die Kater kommen, dürfte auf der Hand liegen.