Schaukampfgruppe Dreynschlag - Historisches Fechten
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Rabenstein 2004

Schneeweißchen und Hosentod

Es war einmal ein ungleiches Brüderpaar. Schneeweißchen und Hosentod hießen die beiden, die sich im ganzen Land einer großen Beliebtheit erfreuten. Wenn man die zwei Gestalten so durch die Walde schlendern sah, der Eine etwas bleich und zierlich, der Andere knallrot und stämmig, zauberten sie unweigerlich ein Lächeln auf die Gesichter der Beobachter.

Schneeweißchen liebte ausgiebige Gespräche über Gott, die Welt und ähnliche Themen, was dem brummigen Hosentod jedoch zumeist den letzten Nerv zog. So knurrte und drohte, so bellte und greinte er; aber es half nichts. Schneeweißchen merkte ja nicht einmal sein Flehen um ein Ende des verbalen Martyriums.

Nun war guter Rat teuer. Er konnte nicht einfach seinen Bruder gewaltsam zum Schweigen bringen, war er doch immerhin sein eigen Fleisch und Blut, ganz egal wie nervtötend diese bleiche Flachse auch sein konnte. Im Gedanken verloren schlurfte er Schneeweißchen hinterher und zerbrach sich seinen roten Kopf über einen möglichen Ausweg aus dem Dilemma.

Die Stunden vergingen träge, und gerade als Hosentod sein Schicksal als zukünftiges Einzelkind akzeptieren wollte, kam die Lösung fröhlich pfeifend hinter der nächsten Waldbiegung hervor. Ein großer, hagerer Junge mit Strohhut trat ihnen entgegen und musterte die beiden Fremden voller Neugier. Selbst Schneeweißchen hielt in seiner Ausführung über die politische Situation der Topfpflanzen inne, um den Blick der abgerissenen Gestalt zu erwidern. Allzu interessant war die Erscheinung Huckleberrys wohl nicht, denn schnell besann er sich eines Besseren und tauchte wieder in die zauberhafte Welt der Rhetorik ein. Hosentod hingegen erkannte in der Gestalt das Ventil, nach dem er schon die längste Zeit Ausschau gehalten hatte. Jauchzend packte er den Burschen und hämmerte ihn laut krachend zu Boden. Ein lautes Protestieren der Hosennaht später gehörten sein Jähzorn, sowie Huckleberrys Beinkleid der Vergangenheit an.

Aufgeschreckt durch den plötzlichen Lärm traten aus einem kleinen Häuschen, welches im Wald versteckt lag, zwei Gestalten auf die Lichtung. Wie erschauderten die drei Helden beim Anblick der sich ihnen bot, waren doch die Bewohner der Hütte das berüchtigte Braunlöckchen und sein kleiner, grüner Kumpan Rumpelstilzchen.

Das hübsche Braunlöckchen war berüchtigt für sein Hantieren mit vernichtend blöden Wortwitzen; so musste schon so mancher unachtsame Wandersmann eine neurologische Notoperation über sich ergehen lassen. Kam dann auch noch sein etwas grindiger Mitbewohner hinzu, waren Hopfen, Malz und mentale Gesundheit restlos verloren.

Der erste Schritt zu einer heillosen Flucht war bereits getan, als Rumpelstilzchen (der mit dem lustigen Hut) in seltsam anmutende Zuckungen verfiel. Gefangen von der hypnotischen Wirkung des grünen Gesellen, mussten sie folgende verschmilzte Frage Braunlöckchens hilflos über sich ergehen lassen: "Wisst ihr weshalb man das hier Schwert nennt?".

Kopfschmerzen begannen sich in konzentrischen Kreisen auszubreiten, doch zum Glück unterbrach ihn der kleine grüne Waldschrat ehe es letal werden konnte mit einer barschen Aufforderung zum Moluskentanz. Schnell, bevor jemand dankend ablehnen konnte, begann der seltsame Reigen erneut und alle bis auf Hosentod stimmten mit ein. Von diesem war nämlich der magische Bann mit samt dem letzten Quäntchen Selbstbeherrschung abgeblättert und nun hielt ihn nichts mehr davon ab, munter auf dem Kopf des hübschen Braunlöckchens herum zuspringen.

Ritsche, Ratsche hörten die Anderen, Ritsche, Ratsche und entzwei war des Löckchens enge Hose. Zu der von Hosentod vorgesehenen Umbenennung in Blutsüppchen kam es dann aber doch nicht, da er schließlich wild zerrend zur Vernunft gebracht werden konnte.

Der Nebel der Gewalt lichtete sich langsam, um ausgelassener Stimmung und sinnlosem Gelächter Platz zu machen. Ja sie amüsierten sich köstlich, sie lachten schallend, sie lachten leise, sie lachten hinter vorgehaltener Hand, aber vor allem lachten sie komplett grundlos über Witze, die eigentlich nicht wirklich komisch waren. Der sechsstimmige Chor erreichte gerade seinen Höhepunkt, als das kluge Schneeweißchen, scharf und spitz wie es war, erkannte, dass da einer für zwei grölte. Die Fünf, gar nicht dumm, verstummten abrupt, um den Ursprung des Gegackers ausfindig zu machen.

Tatsächlich hatte sie jemand belauscht, denn aus dem tiefen Dickicht konnte man noch das eine oder andere Glucksen vernehmen. Ein seltsames Raunzen klang in ihren Ohren. Wieder war es das kluge Schneeweißchen, niemals um eine Antwort verlegen, das wusste, wer sich dahinter verbarg. „Eine morsche Patschertbirke“ berichtete er seiner staunenden Zuhörerschar. „Eine Patschertbirke?“ raunten sie voller Erfurcht. Konnte das sein? Gab es sie wirklich?

Jeder von ihnen hatte schon von dem wunderlichen Gewächs gehört, welches ganze Märchenbücher füllte, aber dass es wirklich existierte, daran glaubten sie genau so wenig wie an den Weihnachtsmann oder die eigene Vernunft. Man erzählt sich, es sei ein sprechender Baum, der es trotz seines wurzelbedingten festen Standes fertig bringt, sich ernsthaft selbst zu verletzen. Das kam so häufig vor, dass die Patschertbirken aus den ständigen Schmerzensschreien eine eigene Sprache entwickelt hatten und sich auf diese Art und Weise mit ihrer Umwelt unterhielten. In den alten Geschichten jubelten die bösen schwarzen Ritter dem strahlenden Held stets eine Lanze aus Patschertbirkenholz unter. Die splittern nämlich so schön.

Hosentod war der erste, der sich seinen Weg durch das Dickicht gebahnt hatte. Staunend stand er vor dem magischen Gewächs, umgeben von zahlreichen „UFFs“ und „AUAs“ Welch ein Anblick. Selbst in den Erzählungen wurden sie nie so groß wie diese. (Meistens brachen sie sich selbst entzwei, oder wurden von irgendjemandem überrollt. Die Autoren schweigen sich zu diesem Thema beharrlich aus. Einig sind sie sich jedoch darüber, dass das Ende unerwartet und unwürdig eintritt.)

Endlich kam auch die restliche Gesellschaft hinterher getrottet, gerade noch rechtzeitig, um Hosentod dabei zu beobachten, wie er ehrfürchtig das Holz der Birke berührte. Was sie außerdem noch sahen, war ein kleines zierliches Wesen mit einem kleinen zierlichen Schwert, welches scheinbar aus dem Nichts heraussprang. Fast schon wäre ihnen ein einheitliches „OOOOOHHHH, wie süß“ entrutscht. Davon abgehalten wurden sie von besagter Klinge, die blitzschnell auf den ahnungslosen Hosentod herabsauste. Nach getaner Arbeit funkelte sie noch einmal auffordernd in das verängstigte Publikum. Ihr Blick blieb bei Huck hängen. Schnellen Schrittes stapfte sie auf diesen zu, riss dessen Strohhut an sich und murmelte etwas von wegen „mieser Hutdieb.“ Mit einem gleichgültigen Achselzucken zauberte er wie aus dem Nichts einen hübschen roten Zylinder aus dem Handgelenk. Gleich darauf begann er etwas wirr zu kichern.

Dem Hosentod noch auf die wackeligen Beine geholfen, eines schien ein wenig angebrochen zu sein, lachten sie wieder über das erfolgreiche Abenteuer, ohne sich zu fragen, worin es überhaupt bestanden hatte. Des Hosentods Nemesis stellte sich als die Gärtnerin vor, jetzt wurde auch allen klar, warum die morsche Birke sich noch nicht selbst vernichtet hatte.

„Meine Blätter sind doch wohl hoffentlich geputzt, bis der Waldumzug beginnt “ wies der Baum, der faul und träge an seinem Platz, stand die Gärtnerin an. „Ein Umzug? Da kommen wir mit!“ tönte es wie aus einem Mund. Huck funkelte Rumpelstilzchen herausfordernd an. Kurz wiegte dieser die Alternativen gegeneinander ab, und beschloss, seiner Umwelt nicht mitzuteilen, was ihm so alles zu dem Wort „Umzug“ einfiel.

Ein beißender Geruch erstickte die Vorfreude auf ein buntes Treiben mit den Waldbewohnern, im Keim. Taumelnd stolperten sie halb narkotisiert über die arme Patschertbirke. Dem starken Odeur der Verwesung folgte ein Schwarm gieriger Aasfliegen, und denen hinterher ein halb verwestes Stück Fleisch. Kein Steak oder Kotelett, nein, vollständiger. Da war alles dran: Körper, Arme, Beine und sogar ein halbwegs intakter Kopf, abgesehen von einigen klaffenden Wunden, aus denen zum Teil noch Operationsbesteck ragte. Dem Chirurgen war wohl mitten drin die Lust vergangen, denn der Scheitel in der Mitte erstrahlte weiterhin in unschuldigem Blond, ganz unbeeindruckt von dem ihn umgebenden Bild der Verwüstung.

Bei genauerer Betrachtung würde einem die eine oder andere Seltsamkeit an dem Wesen auffallen. (Vielleicht einige mehr, wenn man den Anblick von vor sich hin modernden Untoten nicht gewöhnt war.) Unmengen von Kleidern baumelten an dem debil glücklich aussehenden Ghul; zahlreiche Lagen Stoff, Plastik und Stahl mischten sich mit diversen Hasen, Bambis und Hunden, welche er sich einfach übergezogen hatte. Einige der bemitleidenswerten Kreaturen zuckten noch spastisch oder gaben letzte röchelnde Krächzer von sich. In manches konnte er jedoch auch mit noch so viel gut gemeinter Brutalität nicht hineinschlüpfen. Jene Dinge baumelten lose an einem Seil, befestigt an seinem Hals.

Allzu lange konnten sich unsere Freunde jedoch nicht über den Ghul wundern, denn schon hörten sie die Trommeln des Waldumzuges ertönen. Da war natürlich keine Zeit, den neuen Gefährten mit Fragen zu bombardieren. Selbst auf die essentiellen vergaß man; ob er in der Gruppe die neuesten Errungenschaften der Haute Couture sah, beispielsweise. Doch zum Glück war er genau wie der Rest der seltsamen Gesellschaft so sehr damit beschäftigt sich hektisch für das bevorstehende Ereignis herauszuputzen. Die Gärtnerin griff zu einem gar nicht mehr niedlich anzusehendem Werkzeug mit bösartig vielen Spitzen an jedem Ende. Man darf ruhig an dessen Verwendungszweck als Gartenutensil zweifeln. Wäre ein aufmerksamer Dritter auf die Idee gekommen nachzubohren, hätte er etwas über revolutionäre Ansätze in der Herzchirurgie erfahren.

Mit einem Handgriff hier und da musste man sich schließlich zufrieden geben, denn schon bogen die ersten Trommler um die Ecke. Halb nackte Orang Utans hämmerten auf kleine, hohle Baumstämme. Aus einem unerfindlichen Grund waren sie wohl der Meinung gewesen, sie müssten sich bis zu den Lenden, Gott lob nicht drüber hinaus, kahl rasieren. Dicht hinter ihnen zog eine kleine, lauthals röhrende Horde Elche. Warum allerdings wiederholten sie in endloser Litanei den Namen von Garfields Hund Odi? Ein Rätsel, welches sich auch bei dem späteren, erstaunlich gewaltfreien Prumpftverhalten nicht klären sollte. Zahlreiche verwirrende Wesen später, erblickte die hübsch anzusehende Birke eine Kompanie von grazilen Pfauen; Erscheinungen, die den Rest des Feldes wie bunte Regenbögen überstrahlten. Schnell nahm er seine Wurzeln unter den Ast, um sich mit den Anderen hinter den edlen Vögeln einzureihen. Das Schlusslicht bildete eine Rotte von Katern, die sehr gewagte Hüte trugen. In Anbetracht ihrer großen Auswahl an Musketen und Kanonen kamen aber provokante Witze wohl nur selten vor. Welch eine Heiterkeit herrschte in den Reihen. Alles feierte fröhlich, eine lange Polonäse tanzend, bis in den Sonnenuntergang.

Hier verlassen wir nun unsere Freunde, und mit ihnen das wunderbare Dreynschlagland. Doch wenn ihr auf unserer Homepage genau hinseht, findet ihr unsere kommenden Termine, und wenn ihr brav seid, so könnt ihr vielleicht sogar den einen oder anderen Ausdruckstanz sehen.

Anmerkung:

Man will sich ja nicht mit fremden Federn schmücken, daher: Die Idee, sich diverses Getier überzuziehen, ist nicht auf mich sondern auf Erik zurückzuführen. Woher die Kater kommen, dürfte auf der Hand liegen.

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