Der mittelalterliche Schwertkampf
ist in zahlreichen Filmen immer wieder dargestellt worden. Erroll Flynn
als Robin Hood zeigte die Interpretation des klassischen Hollywoodschinkens,
er führte das Schwert mit der Eleganz eines Floretts aus dem Handgelenk
und fand zwischen zwei Streichen immer noch Gelegenheit, dem Gegner
über die gekreuzten Klingen hinweg eine Beleidigung zuzuflüstern.
Fünfzig Jahre später, Kevin Costner in der selben Rolle: die
Helden sind rauer geworden, der Fechtstil brachialer, die Schmähungen
sarkastischer. Gemeinsam mit dem Sheriff von Nottingham hackt er dessen
Turmzimmer zu Kleinholz und führt dabei sein Schwert wie ein Holzfäller.
Beides sind spektakuläre Schaukämpfe und haben als solche
ihre Berechtigung. Doch beide haben nichts mit der tatsächlichen
Kunst des Schwertkampfes im Mittelalter zu tun.
Gut, über die Schwertführung
zur Zeit Robin Hoods wissen wir wenig. Wir können ein Puzzle zusammensetzen
aus Stellen in der Epik wie dem Nibelungenlied oder dem Parzifal, aus
zeitgenössischen Illustrationen. Wir können archäologischen
Befunde aus Gräbern Gefallener auswerten, und wir können die
Waffen selbst untersuchen im Hinblick auf die Materialqualität,
Länge, Gewicht, Schwertpunktlage, Grifflänge und Abnützung.
Aber ein zusammenhängendes Bild lässt sich so nicht herstellen.
Wir sind auf mehr oder weniger gesicherte Vermutungen angewiesen. Diese
Ungewissheit lichtet sich erst im vierzehnten Jahrhundert.
Einige Fakten sind auch für
das Hochmittelalter bekannt. Es wurde, da mit Schwert und Schild gefochten
wurde, natürlich vorwiegend der Schild zur Parade benutzt. Doch
es gab auch die Parade mit dem Schwert durch Verteidigungsschläge,
"Schirmschläge". "Schirmen unde vehten" wurden synonym gebraucht.
"Schirmaister" nannten sich die Fechtmeister bis ins 15. Jahrhundert,
"schirmaere" waren umherziehende Berufsfechter. Die Worte für Fechten
im Französischen und im Spanischen, "escrime" und "escrima", entstammen
derselben Wurzel.
Das Schwert war eine tödliche
Waffe, doch es war, wenn man dem Nibelungenlied glauben darf, in seiner
Durchschlagskraft dem Speer unterlegen. Das Schwert wird wuchtig geführt,
doch es durchdringt den Ringelpanzer erst nach einigen Schlägen,
während ihn der geworfene Speer glatt durchbohren kann. Oft durchschlägt
der Speer auch den Schild und trifft seinen Träger. Sogar wenn
man die epische Übertreibung in Betracht zieht, die letale Wirkung
des Speers erscheint plausibel. Manchmal wurde im Kampf der Schild auf
den Rücken geworfen und das Schwert mit beiden Händen ergriffen,
obwohl es eigentlich nicht für einen derartigen Gebrauch vorgesehen
war.
Seit der Mitte des 13. Jahrhunderts
wurde der Ringelpanzer mit zusätzlichen Platten aus Stahl oder
gehärtetem Leder versehen, die ihn an besonders gefährdeten
Stellen widerstandsfähiger machten. Einer der besonderen Nachteile
dieser Form der Panzerung ist ja ihre Elastizität. Der Ringelpanzer,
das "Kettenhemd", kann einem Schnitt widerstehen, doch nicht der Wucht
eines Schlages. Darum wurde darunter stets der Gambeson, ein gepolstertes
Untergewand, getragen. Die nun vor allem an Gelenken, Schienbeinen und
Brust hinzugefügten Platten sorgten dafür, dass die Wucht
des Hiebes auf eine grössere Fläche verteilt wurde. Im Zug
dieser Entwicklung entstand gegen Ende des 14. Jahrhunderts der geschlossene
"blanke Harnisch", der den Träger mit Stahlplatten ganz umschloss.
Nur noch die Innenseiten der Gelenke wurden durch Teile aus Kettengeflecht
gedeckt.
Als die Rüstung besser
wurde, wurde der Schild immer kleiner, bis er mit dem Auftreten des
blanken Harnisches ganz verschwand und nur mehr im Gestech eingesetzt
wurde. So wurde die Schildhand frei, es entstand das zweihändige
sogenannte Lange Schwert, und mit ihm erstmals eine Fechtkunst, die
wir auch heute noch rekonstruieren können. Einzelne Exemplare eines
zweihändig zu führenden Schwertes gibt es bereits im 13. Jahrhundert,
in grösserer Menge sind sie aber erst im 14. Jahrhundert zu finden.
Das Lange Schwert zeichnet sich nicht durch eine aussergewöhnliche
Gesamtlänge aus - die Klinge war oft nicht wesentlich länger
als die eines einhändigen Schwertes - sondern nur durch einen längeren
Griff, der ein Zufassen mit beiden Händen ermöglicht. Die
Gesamtlänge beträgt selten über 130cm, also kein Vergleich
mit den späteren Bidenhändern, die oft 160-200cm lang waren.
Während der Griff des echten Zweihänders, hauptsächlich
eine Waffe für Fusskämpfer, mit beiden Händen am Griffholz
gehalten wurde, fasste beim Anderthalbhänder, dem "Bastardschwert",
die linke Hand am Knauf. Der Anderthalbhänder war vorwiegend eine
Reiterwaffe, die auch einhändig zu führen war. Der Griff war
daher kürzer und wies eine deutliche "Taille" oberhalb des Knaufes
auf, um mit der Linken sicher zugreifen zu können. Das Lange Schwert
ermöglicht einen komplexen Fechtstil, der sowohl im Nahkampf als
auch in mittlerer und weiter Distanz effektiv ist.
Wer waren die Leute, die
mit diesen Waffen umzugehen wussten? Es waren nicht nur, nicht einmal
überwiegend, die Adeligen und Berufskrieger. Dies ist immer zu
bedenken - oft wird behauptet, das Fechten im Mittelalter wäre
nur dazu gedacht gewesen "den Gegner möglichst schnell und effizient
zu töten". Dem war nicht so. Es muss stets auch der Kontext bedacht
werden, in dem der Kampf stattfand, und Krieg oder Ernstkampf waren
nicht die häufigsten auftretenden Formen.
Gerade im Spätmittelalter
wurde das Fechten zu einer bürgerlichen Kunst. Alle Freien hatten,
abgesehen von regionalen Einschränkungen, das Recht, Waffen zu
tragen. Bauern durften ausserhalb des Dorfes zu ihrer Verteidigung Waffen
tragen, innerhalb des dörflichen Friedensbezirkes war dies meist
untersagt. Fahrende Handwerker übten ebenso das Fechten zum eigenen
Schutz; aus ihren Kreisen gingen die späteren zunftähnlich
organisierten Fechterbruderschaften, wie die Marxbrüder und die
Federfechter, hervor. Studenten waren berüchtigt für ihre
nächtlichen Gefechte, die oft blutig ausgingen.
Abgesehen davon übten
Ritter und andere Kriegsleute den Kampf für den Einsatz im Krieg,
der allerdings wohl weniger komplex gewesen sein muss als der Zweikampf.
Andere Waffen wurden verwendet, das Schwert hatte im Ernstkampf nur
die Bedeutung einer Beiwehr, Hauptwaffen der Fusstruppen waren Stangenwaffen
wie die Pike, die Helmbarte mit all ihren Varianten, Gelenkswaffen wie
der Kriegsflegel, sowie Fernwaffen - Bogen und Armbrust. Der erfolgreiche
Kampf im Verbund war hier wichtiger als die kämpferischen Fähigkeiten
des einzelnen. Reiter schätzten wegen ihrer harnischbrechenden
Wirkung den Streitkolben und die Streitaxt mehr als das Schwert. Allerdings
trainierten die Adeligen sehr wohl für den Zweikampf in Fehde und
Turnier. Im Fussturnier wurden neben Schwert und Streitkolben auch Waffen
wie der Ahlspiess und die Mordaxt eingesetzt und daher auch trainiert.
In einigen Fechtbüchern werden auch diese Waffen behandelt.
Doch das Fechten diente auch
der Belustigung. Fahrende Schaufechter, von seriösen Fechtmeistern
abschätzig "Klopffechter" genannt, führten spektakuläre
Schaukämpfe vor. Die Fechtmeister und Mitglieder der Fechterbruderschaften
traten bei Fechtschulen, öffentlichen Vorführungen, gegeneinander
an. Diese Veranstaltungen gingen nach strengen Regeln vor sich, alle
gefährlichen Techniken, die sogenannten "Mortstücke", waren
zu unterlassen. Dennoch kam es manchmal zu schweren Verletzungen und
auch zu Todesfällen, da keinerlei Schutzausrüstung getragen
wurde. Um zu siegen musste dem Gegner eine blutende Wunde beigebracht
oder dieser zur Aufgabe gezwungen werden. In den späteren Fechtbüchern
finden sich zahlreiche Techniken die offensichtlich für den Einsatz
bei einer Fechtschule gedacht sind und im Ernstkampf wenig sinnvoll
wären.
Die Fechtkunst entwickelte
sich ursprünglich wohl im Zusammenhang mit dem gerichtlichen Zweikampf.
Diese Art des Gottesurteils, das wohl ursprünglich aus der Fehde
hervorging, ist eine Besonderheit des mittelalterlichen Rechtssystems.
Waren in einem Prozess die Indizien nicht ausreichend, konnte das Gericht
einen gerichtlichen Zweikampf anordnen, ausgehend von der Ansicht, dass
Gott dem Unschuldigen zum Sieg verhelfen würde. Beiden Kontrahenten
musste ausreichend Zeit gegeben werden, sich bei einem Fechtmeister
auf den Kampf vorzubereiten. Ausserdem hatten sie das Recht, an ihrer
Stelle einen Stellvertreter, einen "Kämpen"(engl. champion) aufzustellen.
Geistliche, Frauen und Juden mussten, mit wenigen Ausnahmen, immer einen
Kämpen für sich kämpfen lassen (eine kuriose Ausnahme
zeigt Talhoffer in seinem Fechtbuch mit dem gerichtlichen Zweikampf
einer Frau gegen einen Mann: er steht, mit einer Keule bewaffnet, in
einer hüfttiefen Grube, sie ist mit einem in einen Schleier geknüpften
Stein bewaffnet). Die Kämpen waren fahrende und als solche rechtlose
Leute und sozial weit weniger angesehen als die oft beim Gerichtsherren
angestellten Fechtmeister - obwohl diese selbst wahrscheinlich einmal
als Lohnkämpfer angefangen hatten.
Genau genommen gab es zwei
Arten des gerichtlichen Zweikampfes. Während die einfachen Freien
nur in Leinen und Leder gekleidet gegeneinander antraten, trugen die
Adeligen den vollen Harnisch. Da ein Harnisch für ein Schwert nahezu
undurchdringlich war, lehrten die Fechtmeister eigene Techniken, um
auch gepanzerte Gegner zu besiegen. Der adelige Zweikampf war ein Kampf
auf Leben und Tod und fand unter gerichtlicher Aufsicht statt. Dies
ist der Ursprung des späteren Duelles, wo es "nur" mehr um die
Ehre ging und nicht mehr um ein greifbares Rechtsgut. Anfangs wurden
auch Duelle unter gerichtlicher Aufsicht gefochten, im 16. Jahrhundert
verschwand diese Form, die Anwesenheit von Zeugen war allerdings auch
bei späteren Duellen nötig, um die "Rechtmässigkeit"
zu garantieren.
Das Fechten mit dem Langen
Schwert wurde vom 14. bis ins 17. Jahrhundert praktiziert, später
parallel mit dem seit dem 16. Jahrhundert betriebenen Degenfechten,
auf dem das moderne Fechten basiert. Der bedeutendste Fechtmeister,
dessen Kunst überliefert ist, war Johann Liechtenauer. Er ist historisch
nicht genau fassbar, dürfte aber im letzten Drittel des 14. Jahrhunderts
gelehrt haben. Alle späteren Fechtbücher bauen auf seinem
Stil auf. Von seiner Lehre ist nur ein gereimtes Lehrgedicht von etwa
1389 überliefert, das wohl seinen Schülern zum besseren Erlernen
der Techniken verholfen haben soll. Für alle Aussenstehenden muss
es ebenso unverständlich gewesen sein wie für uns heutige.
Hier eine Kostprobe, die Aufzählung der danach beschriebenen Techniken:
"Das ist der texte
Zorn hawe krumpt were hawt schiller
mitt schettaler alber
versetzt nachraysen über lauff
haet setz durch wechsel zug durch laff
abschnitt hendrug henge wind mitt blosem
schlach fach schich mitt stossenn"
Die meisten bekannten Fechtbücher
bauen auf der Liechtenauer-Tradition auf. Die fünfzig Jahre später
entstandene Auslegung dieses Textes durch den Fechtmeister Siegmund
Ringeck bringt etwas Klarheit in dessen Lehre. Doch Ringecks Text enthält
keinerlei Illustrationen und bietet daher zahlreiche Möglichkeiten
der Fehlinterpretation. Das wohl berühmteste Fechtbuch, jenes von
Hans Talhoffer von 1467, ist reich illustriert und zeigt die bei Ringeck
beschriebenen Techniken in der Anwendung. Andere Talhoffer-Ausgaben
zeigen auch gerichtliche Zweikämpfe im vollen Harnisch.
Der sogenannte Codex Wallerstein,
ebenfalls Mitte des 15. Jahrhunderts, der nicht in der Liechtenauer-Tradition
steht, enthält sowohl Texte als auch Illustrationen. Auf diesem
Werk basiert Albrecht Dürers Fechtbuch von 1512. Dürer war
selbst vermutlich kein Fechtmeister - obwohl er sicherlich fechten konnte
-, aber die Illustrationen in seinem Werk sind natürlich die besten
und klarsten Bewegungsdarstellungen. Vor allem das Ringen ist höchst
ausführlich dargestellt. In fast allen Fechtbüchern sind die
Trainierenden ohne Rüstung, ja sogar ohne Handschuhe, dargestellt.
Das bekannteste spätere
Fechtbuch ist jenes von Joachim Meyer von 1560. Auch er geht vom Langen
Schwert aus, lehrt aber auch Dussack, Rapier (Degen), Stange und andere
Waffen. Bei Meyer wird schon sehr hoch gefochten, viele Techniken dienen
wahrscheinlich eher der Verwendung bei einer Fechtschule, wo Treffer
im Gesicht, die "höchste Rur" (höchste Berührung) am
meisten zählten.
Während die früheren
Fechtbücher hauptsächlich im deutschen Sprachraum erschienen,
verschob sich im 16. und 17. Jahrhundert die Entwicklung des Fechtens
nach Italien. Aus der dortigen Lehre, die im Geiste der Renaissance
die Techniken zu systematisieren und in ein mathematisches Modell zu
fügen suchte, entwickelte sich das moderne Fechten - in den meisten
heutigen Fechtlehrbüchern wird der Ursprung des Fechtens ins Italien
des 16. Jahrhunderts verlegt.
Glücklicherweise sind
in den letzten Jahren zahlreiche seltene Fechtbücher digitalisiert
worden und nun über das Internet zugänglich. Die Seite der
Freifechter
bietet Links zu diesen wichtigen Ressourcen, die es jetzt erstmals ermöglichen
die Fechtkunst des Spätmittelalters originalgetreu zu rekonstruieren.
Die Techniken des Langen
Schwertes sind sehr vielfältig. Schliesslich wurde im Spätmittelalter
das Fechten nicht auf den Kampf mit der Waffe reduziert. Es war alles
erlaubt, was zum Sieg führen konnte, daher war auch die Ringkunst
ein Teilbereich des Fechtens. Fechten hiess kämpfen, es konnte
nicht nur mit der Klinge gefochten, sondern auch mit Knauf oder Parierstange
zugeschlagen, gerempelt und getreten werden. Oft endete ein Kampf als
Ringkampf am Boden, wenn das Schwert nicht mehr effektiv eingesetzt
werden konnte. Diese Kampfesweise mit allen Mitteln führte dazu,
dass das mittelalterliche Fechten von Historikern des 19. Jahrhunderts
als "grob und primitiv" bezeichnet wurde, eine Einschätzung, die
auch heute noch nicht ganz ausgelöscht ist. Tatsächlich ist
die mittelalterliche Kunst des Langen Schwertes durchaus den akzeptierten
fernöstlichen Kampfkünsten ebenbürtig. Als zur Zeit der
Jahrhundertwende das japanische Jujutsu nach Europa kam und als "Wunderwaffe"
gefeiert wurde, erkannten Sporthistoriker mit Verwunderung die bemerkenswerte
Ähnlichkeit mit mittelalterlichen Ringertechniken aus Dürers
oder Talhoffers Fechtbuch.
Auch die Schwertkampftechniken
ähneln teilweise den Techniken des japanischen Kenjutsu. Die Grundpositionen,
die Huten, sind nahezu identisch. Doch das europäische Langschwert,
obwohl ein wenig schwerer, länger und langsamer als das japanische
Katana, bietet mehr und andere Möglichkeiten. Die primäre
Angriffsweise ist der Hieb (der allerdings auch eine Schnittkomponente
enthalten muss); doch auch Schnitte und Stiche sind möglich. Der
schwere Knauf ist eine wirkungsvolle Schlagwaffe, sowohl im Nahkampf
als auch beim "Mortstreich", bei dem das Schwert an der Klinge gefasst
und mit dem Knauf zugeschlagen wird. Die lange Parierstange kann die
gegnerische Klinge binden und ablenken oder als Hebel zum Werfen des
Gegners verwendet werden. Die zweischneidige Klinge ermöglicht
rasche und effektvolle Schläge mit der "kurzen", der Rückenschneide.
Wird die Klinge mit der Linken
in der Mitte gefasst, sind mit dem "halben Schwert" kraftvolle, mit
dem ganzen Körpergewicht unterstützte Stiche möglich,
was vor allem im Kampf gegen Gerüstete notwendig ist. Im "halben
Schwert" kann auch die Klinge selbst als Hebel eingesetzt werden. Spezielle
Fechtschwerter sind mit einem Griff in der Mitte ausgestattet und eigentlich
nur in dieser Form zu verwenden.
In Ringecks Fechtbuch werden
nicht nur Grundstellungen und Techniken, sondern auch Kampftaktik, Rhythmus
und Timing beschrieben. Die Verteidigung hängt davon ab, ob der
Gegner "stark" oder "schwach am Schwert" ist, ich kann seinem Angriff
"vor" oder "nach" seinem Hieb begegnen, oder ich kann ihn "indes" treffen,
während ich seinen Schlag pariere. Die meisten erfolgreichen Hiebe
sind Konterschläge oder Nachfolgeschläge nach dem ersten Angriff.
Ringeck beschreibt auch Finten und Scheinangriffe, das Ringen mit dem
Schwert, "Mortstücke" für den Ernstkampf. Im Codex Wallerstein
ist die "Länge", die richtige Kampfdistanz, und das "Fühlen"
der gegnerischen Absicht durch das Schwert beschrieben.
Das Lange Schwert galt zwar
im Spätmittelalter als die "Königin der Waffen", doch es wurde
auch die Fechtkunst mit zahlreichen andere Waffen und das unbewaffnete
Ringen gelehrt. Diese Waffen, die auch bei Fechtschulen zum Einsatz
kamen, waren vorwiegend der Dolch und der Dussack, aber auch Speer,
Helmbarte, langer und kurzer Stab, sowie später der Degen.
Der verwendete Dolch war
eine reine Stichwaffe mit meist quadratischem Klingenquerschnitt, der
ursprünglich für den tödlichen Stoss durch die Rüstung
eines Gegners gedacht war. Daher finden sich im Dolchfechten keinerlei
Schnitte, sondern neben kraftvollen Stössen vor allem zahlreiche
Hebel und Würfe. Der Dussack, vom böhmischen "tesak" abgeleitet,
war eine reine Übungswaffe aus Stahl oder Holz, bestehend aus einer
kurzen gekrümmten, einschneidigen Klinge mit einem Griffloch. Er
entsprach dem "Messer", einer ebenfalls kurzen einschneidigen Waffe,
die mit einer Machete vergleichbar ist. Diese Waffe war billig und daher
weit verbreitet, auch sehr beliebt als Hilfswaffe für Fusskämpfer.
Gern und effizient wurde der Dussack eingesetzt in Kombination mit einem
Faustschild, dem Buckler. Die Helmbarte oder Hellebarde mit ihren zahlreichen
Formen war eine Kombinationswaffe, ursprünglich geeignet zum Hauen,
Stechen und Reissen. Spätere Helmbarten wurden vorwiegend auf die
Stichfunktion reduziert. Der Degen, anfangs Rapier genannt, was heutzutage
eine reine Stichwaffe bezeichnet, war eine einhändige Waffe für
Hieb und Stich. Die rechte Hand wurde durch ein mehr oder weniger geschlossenes
Gefäss aus Metallgeflecht, geschützt. Auch der Degen wurde
gerne in Kombination mit einer Linkhandwaffe benutzt, einem Dolch, Buckler
oder einfach einem Mantel, der um die linke Hand geschlungen wurde.
Aus dem Studium der spätmittelalterlichen
Fechtbücher wird eines klar: das Fechten des Spätmittelalters
war weder ein leichtfüssiges Geplänkel noch eine brutale,
rein kraftbetonte Schlägerei. Es war weniger strukturiert und nicht
nach mathematischen Grundsätzen durchkonstruiert wie das in der
Renaissance entwickelte Degenfechten. Aber es war eine komplexe, vielseitige
Kampfkunst, die den heute bekannteren fernöstlichen Kampfkünsten
durchaus ebenbürtig war.